wbg 2000 Stiftung: Multiplikatoren für mehr Gerechtigkeit

Helden der Gleichberechtigung

"Heroes": ein Projekt gegen Unterdrückung im Namen der Ehre

Diaco Ghoreishi wollte die Welt schon immer ein bisschen gerechter machen. Deswegen hat sich der 21-Jährige mit kurdischem Migrationshintergrund zum Heroe - einem Helden - ausbilden lassen. Als solcher setzt er sich gegen Unterdrückung im Namen der Ehre ein, gegen Rassismus, für Menschenrechte, die Gleichberechtigung der Frau, Respekt, Vielfalt und Frieden.

Ghoreishi ist seit dem Start des Heroes-Projektes 2015 in Nürnberg mit von der Partie. Mittlerweile ist er als Gruppenleiter für die Ausbildung neuer Heroes verantwortlich und bietet Workshops an Schulen an. "Ich habe sehr viel Zeit in diese Aufgabe investiert", sagt der 21-Jährige, der Politikwissenschaften und Philosophie studiert. Sein Engagement dankt ihm ganz besonders Ulrike Wickbold. Sie leitet das Heroes-Projekt in Nürnberg, dessen Konzept 2007 von Mitgliedern des Vereins "Strohhalm" in Berlin-Neukölln erdacht und erstmals umgesetzt worden war. Der Anlass dazu war der Ehrenmord an Hatun Aynur Sürücü zwei Jahre zuvor. Die junge Frau war in Berlin als Tochter kurdischer Eltern geboren worden und dort aufgewachsen. Im Alter von 16 Jahren wurde sie mit ihrem Cousin in der Türkei verheiratet. Sie wurde schwanger, löste sich aber aus der erzwungenen Ehe und kämpfte für ein selbstbestimmtes Leben. Hatun zog mit ihrem Sohn in eine eigene Wohnung und ließ sich zur Elektroinstallateurin ausbilden. Für ihre streng traditionelle Familie war die Lebensweise der jungen Frau eine Schande. Um die Ehre der Familie wiederherzustellen, griff Hatuns jüngerer Bruder schließlich zur Waffe und erschoss seine Schwester.

Damit solche Morde im Namen der Ehre nicht mehr passieren, gibt es das Heroes-Projekt. Mittlerweile hat es sich bayernweit etabliert: in Augsburg, Schweinfurt, München und Nürnberg. Sein Ziel: Jeder Art von Gewalt entgegenzuwirken, die auf Traditionen oder einem falsch verstandenen Geschlechterbild beruht. Gleichzeitig soll die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern gefördert werden. Dazu gehört unter anderem "das Bewusstmachen und kritische Hinterfragen gewaltlegitimierender Geschlechternormen".

Die Umsetzung dieser Ziele basiert im Heroes-Projekt auf zwei elementaren Säulen: Zuerst einmal auf der rund neun Monate dauernden Ausbildung der ausschließlich männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu den sogenannten Heroes. Die wöchentlichen Treffen in den Räumen an der Dammstraße 4 werden von einem Gruppenleiter moderiert. Es werden Meinungen und Wertvorstellungen der Teilnehmer hinterfragt, Vorurteile aufgebrochen und die Persönlichkeit der Jungen gestärkt. Gleichzeitig werden sie dazu aufgefordert, ein selbstbestimmtes Leben zu führen - unabhängig von traditionellen Vorstellungen über Geschlecht, Familienehre oder gesellschaftliche Erwartungen. Die Ausbildung endet mit einer Anerkennungsfeier und der Verleihung des Zertifikats. Zudem erhält jeder neue Held ein Kapuzenshirt und ein T-Shirt mit dem Heroes-Schriftzug.

Eine zweite Säule sind die Workshops an Schulen, in denen die zuvor ausgebildeten Jungen ihr Wissen an Gleichaltrige weitergeben, mit ihnen diskutieren und ihnen Denkanstöße mit auf den Weg geben. "Die Nachfrage bei den Workshops steigt stetig. Momentan sind wir bis Ende März ausgebucht", sagt Wickbold, die sich über diese Entwicklung sehr freut. Insgesamt 23 zertifizierte Heroes stehen fürs Leiten der Workshops zur Verfügung. Doch nicht jeder, der sich im Rahmen des Projekts ausbilden lässt, muss diese Aufgabe zwangsläufig übernehmen, erklärt Wickbold. Wie sich jemand anschließend weiter engagieren möchte, und ob er dies überhaupt will, kann jeder für sich selbst entscheiden. Dass der Großteil aktiv dabei bleibt, wertet die 35-Jährige als enormen Erfolg für das Projekt. "Heroe zu sein ist kein Mantel, den man sich einfach mal anzieht und dann wieder ablegt", sagt Ghoreishi in diesem Zusammenhang. Wer die Ausbildung durchlaufen habe, fühle sich ganz von allein dazu aufgefordert, gesellschaftliche Normen zu hinterfragen, Menschenrechte zu achten und all das Erfahrene im Alltag zu vertreten. Außerdem bleibe man dem Projekt emotional verbunden. Schließlich offenbare man einander Gefühle und Gedanke. Die werden übrigens streng vertraulich behandelt.  

Willkommen ist jeder männliche Jugendliche ab 15 Jahren mit Migrationshintergrund. Dass diese Zielgruppe ganz von allein den Weg zu ihnen findet, begeistert Wickbold immer wieder aufs Neue. Einige haben an einem der Workshops teilgenommen und wollen anschließend mehr wissen. Andere wiederum kommen, weil die Freunde schon dabei sind oder sie Fragen haben, auf die sie dringend Antworten suchen. "Wir begleiten die Jungen ein Stück weit auf ihrem Weg zum Erwachsenen. Das hat viel mit der Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit und der Stärkung des Selbstbewusstseins zu tun", erklärt die Projektleiterin. In dieser Phase sei für viele die Frage nach ihrer Rolle als Mann innerhalb der Familie und der Gesellschaft besonders wichtig. "Die Geschlechtergerechtigkeit und das weit verbreitete konservative Denken diesbezüglich sind große Themen." Und zwar nicht nur bei männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund, sondern auch bei denen, die einen solchen nicht haben, betont Wickbold. Dass die Frau an den Herd und der Mann in die Arbeit gehöre, sei noch immer eine weit verbreitete Meinung innerhalb der Gesellschaft. Und zwar unabhängig von den sozialen Schichten, dem Geschlecht oder der Herkunft. "Wir lassen den Jungen ihre Meinungen. Aber wir hinterfragen ihre Ansichten und diskutieren sie mit ihnen", so Ghoreishi. Dabei würden sich die Widersprüche in manch einer Argumentationskette meist von selbst offenbaren. Oder die Jungen erkennen, dass sie gar nicht ihre eigene Meinung vertreten, sondern irgendeine übernommen haben, von der sie selbst letztlich gar nicht überzeugt sind. Auch "fragwürdige Annahmen" werden in den Gesprächen aufgezeigt, wie zum Beispiel die, dass Frauen den Haushalt besser erledigen könnten als Männer. Genauso wie die Kinderbetreuung. Wer das sinnvoll erklären solle, gerate schnell in Erklärungsnot und erkenne den Widersinn daran ganz von allein. 

Dass es für männliche Jugendliche in Familien mit traditionellen Strukturen nicht einfach sei, liberale Ideale zu vertreten und zu leben, ist den Heroes-Verantwortlichen bewusst. Doch das sei auch gar nicht ihr Anspruch, wie sie ausdrücklich betonen. "Niemand soll zum innerfamiliärem Rebell werden. Es geht vielmehr darum, dass diese Jungen irgendwann einmal für ihre eigenen Kinder eine andere Vaterfigur sind und ihren eigenen Söhnen nichts aufbürden, unter dem diese dann leiden", erklärt  Ghoreishi. Deswegen werde die Nachhaltigkeit des Heroes-Projektes vermutlich erst in nachfolgenden Generationen wirklich spürbar werden. Doch bereits jetzt gebe es auch in Familien mit einem konservativen Weltbild viele Handlungsspielräume, in denen man sich als Betroffener bewegen könne.

Dass sich das Heroes-Projekt in Nürnberg etablieren konnte, ist unter anderem dem deutsch-griechischen Verein "DEGRIN - Begegnung und Bildung in Vielfalt" zu verdanken, der die Trägerschaft übernommen hat. Finanziert wird es durch das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration. Seit dem vergangenen Jahr beteiligen sich zusätzlich die Städte Nürnberg und Fürth. Und auch Spenden sind enorm wichtig. Umso mehr hatten sich Wickbold und ihr Team über das Geld aus der "wbg 2000 Stiftung" gefreut, mit 5 000 € unterstützt die wbg 2000 Stiftung das Projekt. "Diese Spende ist für uns eine Anerkennung unserer Arbeit. Dadurch hat die Spende einen hohen ideellen Wert für uns", sagte Wickbold und betonte, dass die Finanzspritze zudem vieles möglich gemacht habe, was sonst nicht hätte umgesetzt werden können. So sei beispielsweise in die Außenwerbung investiert worden und man habe einen Kicker angeschafft, der viel zur Gruppendynamik beitrage.   

Text: Nina Daebel

INFOS:

HEROES Nürnberg

www.heroes-nuernberg.de
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Heroes-Projektleiterin Ulrike Wickbold und "Heroe" Diaco Ghoreishi mit dem Scheck der "wbg 2000 Stiftung". Mit einem Teil des Geldes wurde der Kicker finanziert.
Diaco Ghoreishi, "Heroe" der ersten Stunde, neben dem aktuellen Heroes-Plakat.
"Heroes"-Projektleiterin Ulrike Wickbold und Diaco Ghoreishi, "Heroe" der ersten Stunde neben ihrem aktuellen Heroes-Plakat.
Das Team des Heroes-Projektes (v.l.): Projektleiterin Ulrike Wickbold, Gruppenleiter Amin Raji, Diaco Ghoreishi, Heroe der ersten Stunde, und Gruppenleiter Nabil Hourani am Kicker ...

Bildergalerie

Heroe-Werbematerialien, wie T-Shirt, Tassen... Flyer....
Heroe-Werbematerialien, wie T-Shirt, Tassen... Flyer....
Diaco Ghoreishi, "Heroe" der ersten Stunde in "Heroe"-Ausstattung....
Das Team des Heroes-Projektes (v.l.): Projektleiterin Ulrike Wickbold, Gruppenleiter Amin Raji, Diaco Ghoreishi, Heroe der ersten Stunde, und Gruppenleiter Nabil Hourani am Kicker ...
Heroes-Projektleiterin Ulrike Wickbold und "Heroe" Diaco Ghoreishi mit dem Scheck der "wbg 2000 Stiftung". Mit einem Teil des Geldes wurde der Kicker finanziert.

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