Apollo – griechisch, geheimnisvoll und gefährlich
Obacht! Gleich schießt er! Den Bogen komplett gespannt, die rechte Hand auf Augenhöhe in Verlängerung des Pfeils löst er jeden Moment die Finger und der Pfeil schnellt durch die Luft! Besser aus dem Weg gehen, denn man weiß nicht, was der Pfeil mit sich bringt. Heil oder Gift?
Sollte der Schütze wider Erwarten beim ersten Mal nicht treffen, nimmt er einfach den nächsten oder übernächsten Pfeil aus seinem Köcher. Der hängt schräg über der linken Schulter, damit er beim Schießen nicht stören kann. Unter dem Köcher trägt der Schütze – nichts. Der gute Mann ist nackt wie ihn Gottvater Zeus schuf. Er braucht sich allerdings mit seinem Körper auch nicht zu verstecken. Zeus und seine Mutter Leto haben ihn gut hinbekommen. So kann er aufrecht stehend zeigen, wie durchtrainiert er ist. Das rechte Bein spielerisch nach hinten versetzt um einen stabilen Stand zu haben, zeigt er sich uns so in seiner ganzen stolzen Pracht. Apollo. Griechischer Gott des Lichts, des Frühlings, der Musik, der Poesie, der Künste, der Weisheit, der Weissagung, des Wissens, des Bogenschießens und für vieles andere im Einsatz. Ein wahrer Tausendsassa, den die Griechen entsprechend innig verehrten und ihm sogar das Orakel von Delphi weihten. Griechen und Römer gaben ihm je nach Bedarf auch immer mal wieder einen anderen Namen. Das macht seinen Lebenslauf nicht gerade transparenter. Wenn man mit so vielen Aufgabenbereichen wie Apollo beschäftigt ist, muss man früh anfangen zu arbeiten, damit es mit der Karriere und dem Ruhm was wird. Apollo hatte es eilig und rettete bereits am vierten Tag nach seiner Geburt das Leben seiner Mutter. Der Drache Phyton bedrohte Leto und Apollo erlegte wütend und unverzüglich das Schlangentier mit seinen Pfeilen. Das waren natürlich nicht irgendwelche Pfeile. Zeus persönlich hatte ihm und seiner Zwillingsschwester Artemis die Ausrüstung geschenkt. Artemis wurde professionelle Jägerin und Göttin der Jagd. Einen besseren Start hätte Apollo also kaum hinlegen können. Kein Wunder, dass er zum Gott der Bogenschützen ernannt wurde und daher auch kein Wunder, dass die Nürnberger Herrenschützen sich mit ihm brüsten wollten.
Die Herrenschützen waren Männer aus der gehobenen Schicht der Stadt Nürnberg. Kaufleute, Unternehmer, Ratsmitglieder. Sie trainierten im ehemaligen Stadtgraben bei der heutigen Grübelstraße. Im Graben konnten sie mitten in der Stadt mit Pfeil und Bogen oder mit Armbrüsten schießen ohne Passanten zu gefährden. Für ihre „Vereinstreffen“ ließen sie sich 1583 ein ordentliches Haus bauen, das übrigens heute noch neben dem Blauen Reiter steht und nach seinen Nutzern Herrenschießhaus genannt wird. Ein repräsentativer Schmuck im Außenbereich durfte bei dem großen Bau nicht fehlen. Am besten eine Brunnenfigur. Apollo, der Gott der Bogenschützen, war naheliegend als Motiv in einer Zeit, in der die griechische Antike eine hohe Konjunktur erfuhr. Nachdem Apollo sich zumindest 1682 im Herrenschießgraben aufhielt, kann man vermuten, dass ihn die Herrenschützen auch ursprünglich in Auftrag gegeben hatten. Aber genau weiß man es nicht. Wie man überhaupt kaum was mit Sicherheit weiß, was den guten Gott der Weisheit betrifft. Es fallen berühmte Namen wie Peter Vischer der Jüngere als Entwerfer der Figur, Peter Flötner als Entwerfer des Sockels, die Vischerwerkstatt und Labenwolf für den Guss, aber alle Namen sind mit einem Fragezeichen versehen. Mysteriös ist auch noch das Entstehungsjahr: 1532, 1528, 1524 oder doch schon 1522? „Wos Gwiess wassmer net.“ Es gibt Indizien, dass der Brunnen sogar verkauft werden sollte. Klar, die Nürnberger waren Kaufleute und hätte das Geschäft schon gemacht. Also alles sehr rätselhaft. Fakt ist, dass er von 1889 bis 1957 im Rathaushof stand und von 1959 bis 1988 im Hof des Pellerhauses. Seit 1988 residiert er im Stadtmusuem Fembohaus, wo ihm nichts passieren kann. Hoffentlich.
Der Bursche kam also nicht nur in der griechischen Sagenwelt viel herum, sondern auch in Nürnberg. Er ist so begehrt und zeitlos, dass man Kopien anfertigte und eine solche steht ziemlich unauffällig seit 1986 in Langwasser zwischen Gemeinschaftshaus und U-Bahn. Warum? Mal wieder ist die Antwort ein Geheimnis. Vielleicht um die erschöpften Einkäuferinnen der Einkaufszentren zu erfreuen. Vielleicht um zwischen dem neuen Stadtteil im Grünen und der Altstadt eine Verbindung herzustellen. Man weiß es nicht genau. Von der Haltestelle Gemeinschaftshaus kann der Fahrgast jedenfalls direkt bis zur Lorenzkirche fahren um sich nach einem kurzen Spaziergang im Stadtmuseum das Original anzusehen. Freilich ist die Reise auch anders rum möglich. Vorteil einer Besichtigung in Langwasser: hier sprudelt mit etwas Glück auch Wasser aus der Brunnenanlage. Bei der Kopie weiß man noch dazu, wo sie erschaffen wurde: in der Gießerei Lenz in Nürnberg. Auf einem steinernen, schlichten Pfeiler liegt der Brunnensockel in Langwasser auf. Unruhig wirkt er, ganz im Gegensatz zu Apollo, der auf ihm steht. In den Ecken des Sockels sind delphinartige Seeungeheuer. Aus ihren weit aufgerissenen Schlündern schleudern Röhren Wasserfontainen in die Luft. Auf jedem Ungeheuer sitzt ein Putto, der in einer erhobenen Hand eine Kugel trägt und mit der anderen sein Reittier hält und antreibt. Zwischen den Schlangentieren sind Fratzen, aus denen ebenfalls das Wasser fließen kann. Eine Stufe höher ist der Sockel besiedelt von Schnecken, Muscheln, kleinen Schlangen und Echsen. Nichts für zarte Gemüter. Unser Apollo ist davon unbeeindruckt. Ruhig und selbstsicher steht er barfuß (er ist ja nackt) auf dem Gewimmel unter ihm und es scheint, als ob er jeden Moment seine Pfeile fliegen lässt. Also: Obacht...
Text: Erika Wirth
Quellen: museen der stadt nürnberg: Peter Flötner Renaissance in Nürnberg. Schriftenreihe der Museen der Stadt Nürnberg Band 7. Michael Imhof Verlag. 2015.
Diefenbacher, Michael und Endres, Rudolf: Stadtlexikon Nürnberg, Nürnberg 2000





