Die Welt will betrogen sein – Das Narrenschiff

Touristen nutzen es als Hintergrund für Selfies, Kinder turnen darauf herum, manchem steht es im Weg, mancher geht einfach drum herum. Richtig angesehen wird es von den wenigsten. Schade, denn es hätte eine genauere Betrachtung verdient. Das Narrenschiff. 1987 von Jürgen Weber geschaffen. Der Erstguß steht in Hameln, und das Exemplar hier war zunächst in der Königstraße, 1987 wollte der Finanzier Kurt Klutentreter, dass es in die Nähe seines früheren Elternhauses am Plobenhof kommt. Deshalb wanderte das „Tanzende Bauernpaar“ auf den Trödelmarkt und machte Platz für das Narrenschiff.

Das verkannte Narrenschiff hatte es noch nie leicht: Kaum stand es, verfuhr sich ein Auto der Heilsarmee in der Innenstadt und rammte es bei seiner Irrfahrt. Das Narrenschiff wurde repariert und noch mal eingeweiht. Weit weniger Gäste waren dabei, denn Kurt Klutentreters Auftritte mit ellenlagen Gedichten und Gesangseinlagen waren ebenso gefürchtet wie sein künstlerischer Geschmack. Allein der damalige Baureferent Walter Anderle war also zugegen, als das Narrenschiff zum zweiten Mal seiner Bestimmung in Nürnberg überführt wurde.

Webers Bronzeskulptur bezieht sich auf ein Buch, das der Humanist und Jurist Sebastian Brant 1494 schrieb und in Nürnberg verlegen ließ. Laster, Vergehen und Narrheiten der Menschen schildert er in dem Buch mit 100 Kapiteln in Reimform – auf Deutsch, nicht auf Latein, so dass alle sie verstehen können. Und um ganz sicherzugehen, lässt er jedes Kapitel mit einem Holzschnitt illustrieren. Dreiviertel davon sind von Albrecht Dürer. Jürgen Weber interpretiert die Zeilen neu und unterlegt sie mit einem modernen Ausspruch: „Ein Narr ist, wer viel Gutes hört und doch nicht seine Weisheit mehrt, wer allzeit wünscht Erfahrung viel und sich davon nicht bessern will.“

Auf dem Schiff, das auch ein Symbol für den Lebensweg eines Menschen, einer Stadt oder auch eines Unternehmens sein kann, tummeln sich zahlreiche Figuren. An Bug und Heck stehen jeweils ein alter und ein junger Mann. Sie haben keine Verbindung zueinander. Der junge lenkt blind das Schiff – ohne Blick zurück. Auf der anderen Seite lenkt der alte, resignierte Mann in die andere Richtung. Ein Ziel ist nicht erkennbar. Wie ein Schiff, das ohne Ziel treibt, so ist die Welt. 

Der Schiffsmast ein kahler Baum, der für die kaputte Umwelt und das Waldsterben steht, das in den 1980er Jahren in aller Munde war. Obendrauf eine Krähe, die Aas frisst. Sie zeigt die zunehmende Einsamkeit und den Egoismus.

Mit dabei auch der Höllenhund. Beide betonen sie das Untergangsszenario. Der Tod darf nicht fehlen. Mit einem Glöcklein schlägt er das letzte Stündlein. Eva schaut erschreckt, hilflos und naiv. Adam macht einen halbherzigen Schutzversuch. Kain mit dem Messer weist darauf hin, dass sich die Menschen gegenseitig umbringen. Auch ein cholerischer Nackter ist mit im Boot. Er steht für die pure, nackte Gewalt an sich. Ein Handwerker mit Hammer und Schraubstock verkörpert den Glauben an die Technik, der das Regiment übernommen hat. Schließlich noch ein Spötter, eine Verkörperung der Resignation.

Auf der Nordseite ist ein Spruchband mit einem Text von Sebastian Brant aus dem Jahr 1494: „ein Narr ist, wer für Wunder hält, dass Gott der Herr jetzt straft die Welt und Plag auf Plag schickt – noch die Weil wir seien Christen.“

1494 noch vor der Reformation, 1987 zur Zeit des Waldsterbens und noch vor dem Mauerfall, 2021 zu Zeiten von Corona. Das Narrenschiff scheint aktuell zu bleiben.

Ach ja, wieso will jetzt die Welt betrogen sein? Dieses Zitat stammt tatsächlich aus Sebastian Brants „Narrenschiff“. Erst später wurde es ins Lateinische übersetzt, nicht umgekehrt. Es gibt sogar noch eine Ergänzung dazu: ergo decipatur: also wird sie betrogen. Von wem das ist, das weiß man nicht. 

Text: Erika Wirth

Und hier ein Auszug aus dem Buch mit 100 Kapiteln in Reimform von Sebastian Brand, das er 1494 schrieb. Hier findet sich die besagte Textzeile „die Welt, die will betrogen sein“: 

 Viel Aberglauben man jetzt braut;
aus Sternen man die Zukunft schaut;
ein jeder Narr fest darauf baut.

Von Beobachtung des Gestirns
Der ist ein Narr, der mehr verheißt,
als in seinen Kräften weiß
oder je vollbringen kann.
Verheißen steht den Ärzten an,
ein Narr verspricht an einem Tag
mehr, als die Welt je leisten mag.
Das Künft’ge füllt jetzt jedes Hirn,
was Firmament sowie Gestirn
und der Planeten Lauf uns sage
oder Gott in seinem Rate anschlage.
Man meinet, dass man wissen soll,
was Gott all mit uns wirken wolle,
als ob Gestirn Notwendiges bringe
und ihm nachgingen alle Dinge
und Gott nicht Herr und Meister wär’,
der eins leicht macht, andres schwer,
und schafft, dass man Saturnuskind
doch Tüchtigkeit und Heil gewinnt,
dagegen Jupiter und Sol
oft Kinder haben, des Schlechten voll.
Einem Christenmenschen nicht zusteht,
dass er mit Heidenkunst umgeht
und merkt auf der Planeten Lauf,
ob dieser Tag sei gut zum Kauf,
zum Bauen, Kriegen, Eheschließen,
zur Freundschaft und was ähnlich diesen.
All unser Wort, Werk, Tun und Lassen
soll sein aus Gott und Gott umfassen.
Darum auch der Gott nicht vertraut,
wer so auf die Gestirne baut,
dass Stunden, Monde, Tag` und Jahre
so glücklich seien, dass man wahre
sich vor und nach und lässt das sein,
was nicht zu dieser Zeit soll sein,
dass es nur nicht geschehen mag
an einem unglücksvollen Tag.
Denn wer nicht etwas Neues bringt
Und um Neujahr nicht geht und singt
und Tannenreisig steckt ans Haus,
der meint, er leb’ das Jahr nicht aus;
das hielt Ägypten schon für wahr!
Desgleichen, wem zum neuen Jahr
von anderen nichts wird geschenkt,
der meint, dass schlecht das Jahr anfängt.

 
So gibt’s Unglauben allerlei
mit Wahrsagung und Vogelschrei,
mit Formeln, Segen, Träumenbuche
und dass man bei dem Mondschein suche
oder der schwarzen Kunst nachjage;
nichts gibt es, dem man nicht nachfrage.
Ein jeder schwört, es fehl ihm nit,
doch fehlt’s um einen Bauernschritt.
Nicht dass der Sterne Lauf allein
sie deuten – jedes Ding so klein,
das Allerkleinst’ im Fliegenhirn
will man wissen aus dem Gestirn,
und was man reden, raten werde,
wie einer Glück hab’ – die Gebärde
und Absicht, Unfall, Kränklichkeit
wird frevelnd aus Gestirn prophezeit.
Von Narrheit ist die Welt betäubt,
und jedem Narren man jetzo gläubt.
Viel Praktik und Weissagkunst
Verbreitet jetzt der Drucker Gunst;
die drucken alles, was man bringt
und was man schändlich sagt und singt.
Da schaut nun niemand strafend drein,
die Welt, die will betrogen sein!
Wenn man die Kunst jetzt trieb und lehrte
Und nicht so sehr zur Bosheit kehrte
und was sonst Schaden bringt der Seel,
die Mose trieb und Daniel,
so wär’s nicht eine schlechte Kunst,
sie wäre Ruhmes wert und Gunst.
Jetzt weissat mang, das Vieh werd’ sterben
oder wie Korn und Wein verderben,
wenn es geb Regen oder Schnee,
wann schön es sei und wann es weh’.
Die Bauern fragen nach solcher Schrift,
dieweil es ihren Gewinn betrifft,
dass sie Korn hinter sich und Wein
behalten, bis die teurer sei’n.
Als Abraham las in solchem Buche
In Chaldäa auf der Sternensuche,
entbehrte Licht und Trost er sehr,
die sandt’t in Kanaan ihm der Herr.
Mit ernstem Sinn verträgt sich’s nicht,
wenn man von solchen Dingen spricht,
als wollte man Gott damit zwingen,
sie so, nicht anders zu vollbringen.
Erloschen ist Gottes Lieb’ und Gunst,
drum sucht man jetzt des Teufels Kunst.
Des Teufels Werk ihm wohlgefiel,
als König Saul von Gott abfiel.

Quellen: 
Brant Sebastian: Das Narrenschiff
Diefenbacher, R. Endres: Stadtlexikon Nürnberg 2000

Fotos: Jörg Dorn

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