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Ja so warn’s, die alten Rittersleut –
Christoph Kress von Kressenstein am Nürnberger Rathaus

Selbstbewusst und entspannt blickt er in die Ferne, aufrecht und verspielt steht er am Rathauseck, herausragend verlässt sein linker Kuhmaulschuh dort das ihm zugedachte Podest. Er ist zwar ein bisschen versteckt da hinten am Fünferplatz und dennoch ist es außergewöhnlich, dass er da steht: kein Heiliger, kein König oder Kaiser. „Nur“ ein Nürnberger Patrizier, der als Hausfigur das Rathauseck zieren darf. Ein Privileg, das sonst eben nur Heiligen und royalem Geblüt eingeräumt wird. Wer also ist das, der es so hoch hinaus geschafft hat? 

Schauen wir uns den Herren mal genauer an: Cool steht er da oben am Eck des Rathauses am Fünferplatz und lässt, wie gesagt, sein linkes Bein lässig über den Sockel rausschauen. Die Füße stecken in Kuhmaulschuhen. Sie heißen so, weil sie vorne so breit sind wie das Maul eben jenes Paarhufers. Nachdem die spitzzulaufenden Schuhe zwar praktisch waren, um ordentliche Tritte zu geben, aber halt auch total unbequem, wurden sie abgelöst von den viel komfortableren breiten Schuhen. Die Kuhmaulschuhe sind Teil der Rüstung, die Christoph Kress von Kressenstein am ganzen Körper trägt. Für jemanden wie ihn wurde sie maßangefertigt, damit er auch beweglich bleiben konnte.

Nürnberg war eine Hochburg der Rüstungsherstellung. Unser Ritter trägt seine Rüstung mit Leichtigkeit. Ihm ist keine Last zu schwer. Immerhin wog so eine Rüstung mal locker bis zu 30 Kilogramm und unter der Rüstung trug der Mann noch Lederkleidung für das angenehme Tragegefühl. Seine rechte Hand stützt er entschlossen mittels einer Schriftrolle oder eines kurzen Rohres in der Hüfte ab. In seiner linken Hand hält er ebenfalls eine solche Rolle. Hier jedoch eher lässig, wie seine ganze linke Seite gelassener wirkt. Das Visier seines Helmes hat er schutzlos geöffnet und blickt konzentriert und ernst in die Ferne.

Insgesamt sieht er aus, als ob er für ein Foto für die Ahnengalerie posieren würde. Da wäre er mit seinen vielen ruhmreichen Vor- und Nachfahren auch in bester Gesellschaft. Die Kress waren im Kriegswesen und als Diplomaten tätig. Ein Nachfahre vertrat in Münster und Osnabrück die Interessen der Stadt bei den Verhandlungen des Westfälischen Friedens. Durch den Handel u.a. mit Ochsen aus Ungarn, Silber, Metall, Metallwaren und Textilien war die Familie reich geworden. Ihren Stammsitz haben die Kress in Kraftshof und Neunhof. In Neunhof haben sie das Schloss mitgeprägt und in Kraftshof verdanken wir ihnen die reiche Ausstattung der Kirche. In und um Nürnberg gehörten der Familie zahlreiche Herrensitze.

Christoph Kress lebte von 1484 bis 1535. Bereits mit 13 Jahren kam er nach Mailand. Antwerpen und London folgten, um auch dort die Sprachen und den Handel zu lernen. Kaum zurück in Nürnberg zog es ihn mit 20 Jahren in den Militärdienst. Er war Kriegsrat des Schwäbischen Bundes im Bauernkrieg. In Nürnberg wurde er zum Söldnermeister und Obersten Hauptmann der Kriegsstube ernannt. Außerdem übertrugen die Nürnberger ihm das Siegelamt. Auch er war Ratsherr, Bürgermeister und Diplomat. Offensichtlich schulten die Auslandsaufenthalte auch seine Weltgewandtheit und politischen Fähigkeiten. Dadurch bestens vorbereitet, verhandelte er in Ansbach mit dem Markgrafen über Waldrechte und wurde auf die Städtetage nach Ulm und Bamberg beordert. Mit 29 heiratete er, doch die Ehe blieb kinderlos. 1515 bereits schickte ihn der Rat an den kaiserlichen Hof als Vertreter der Stadt. Ihm hatte Albrecht Dürer es zu verdanken, dass ihm der Kaiser eine jährliche Rente gewährte. Für Nürnberg und seine Bürger reiste er zu Bischöfen, Kaisern, Versammlungen und in Kriegsgebiete. Beim Reichstag in Worms 1521 erlebte er live mit, wie sich Martin Luther vor Kaiser Karl V rechtfertigen musste. Er vertrat die Stadt bei allen folgenden Reichstagen, war in politischen, wirtschaftlichen und religiösen Fragen der Stadt bewandert. 1530 nahm er schließlich am Reichstag in Augsburg teil und unterzeichnete für Nürnberg die confessio augustana, das Augsburger Bekenntnis. Im gleichen Jahr verlieh Kaiser Karl V ihm das einfache Reichsadelsdiplom. Seither heißen die Kress „von Kressenstein“. Die Adelswürde der Familie ist an der Hausfigur gut erkennbar durch den luftigen Federschmuck, der sich hinter Christophs Kopf wie üppige Lockenpracht aufbauscht.

An sein rechtes Bein schmiegt sich das Wappen der Familie, das lediglich mit einem Schwert gefüllt ist. Dieses Schwert findet sich auch heute noch in den Gemeindewappen von Happurg und Schwarzenbach.

Über dem Wappen sind ein Helm und darüber der Rumpf eines wild und gefährlich blickenden Mannes, in dessen Mund quer ein Schwert ist. Auf seinem Kopf trägt der Mann einen schwarzen Hut mit einer Hermelinkrempe. Dass der Mann das Schwert im Mund und nicht in der Hand hält, ist ein Zeichen für den überragenden Mut der Männer in der Familie Kress. Tapfer kämpften sie in allen Schlachten, in die sie zogen. Treu und loyal waren sie ihrem Auftraggeber gegenüber. Einer dieser unerschrockenen Haudegen verlor in der Schlacht beide Arme, doch er kämpfte weiter: mit dem Schwert im Mund! Hachja, …. 

Im Dezember 1535 starb Christoph nach kurzer Krankheit. Sein Totenschild ist in St. Sebald zu finden. Hans Sachs widmete ihm offensichtlich noch am Todestag ein Gedicht:

„Es ist in Teutschland
Ein reichsstatt, dir ganz wol bekannt,
Wellicher ist in großer klag
Verschiden auf heutigen tag
Ein treuer mann, groß lobes wert,
Der fürt in rotem schild ein schwert,
Ein mann vernünftig, wolberedt,
Der kriegshandlung gut wissen hett,
Angnem bei fürsten und reichstägen,
Dem gemeinen mann auch wolgewegen.
Schau, diesen mann klagt das fräulein,
Sin weiser rat und die gemein.
Wol dem mann, der also regiert,
Daß er nachm tod beklaget wirdt ...“

Christoph Kress von Kressenstein hatte keine Kinder, dafür viel Arbeit. Krankheiten quälten ihn zeitlebens. Das Leben war nicht immer leicht für ihn. Dennoch blieb er gefasst, arbeitete gewissenhaft und ging mit allen wertschätzend um – egal, ob es Freunde oder politische Gegner waren. Große Achtung wurde ihm deshalb schon zu Lebzeiten zuteil und Bürger, Adelige, Bischöfe und Fürsten suchten seinen Rat. Er war bescheiden und lehnte auch den offiziellen Ritterschlag aus. Mutig, erfolgreich und trotzdem bei allen beliebt. Kein Wunder, dass August Essenwein ihn als Vorbild sah für Engagement und Loyalität und ihm mit dem Standbild im Nachhinein ein Denkmal setzte. Georg Leistner führte nach einem Entwurf Friedrich Wanderers die Figur aus Sandstein aus. Vorlage für den Entwurf war das Grabmal in der Georgskirche in Kraftshof. Es spricht für den Witz und die Anerkennung der Nürnberger, dass sie Christoph Kress von Kressenstein als Ritter darstellen ließen. Und so blickt Christoph Kress von Kressenstein seit 1889 stolz und zuversichtlich vom Rathaus in die ferne Zukunft. Schauen Sie doch mal bei ihm vorbei!

Text: Erika Wirth

Quellen: u.a. Masa, Elke: Freiplastiken in Nürnberg Schriftenreihe der Altnürnberger Landschaft, Bd 53: Die St. Georgkirche in Krafts­hof 1315 – 2015. Lauf an der Pegnitz 2015 
https://de.wikipedia.org/wiki/Christoph_Kre%C3%9F_von_Kressenstein
https://www.deutsche-biographie.de/sfz48905.html#adbcontent

Foto: Uwe Niklas