Draußen am Balkon

Die Stadt Nürnberg hat die Künstler auch in der Corona-Krise nicht vergessen und auf deren existenzbedrohende Situation reagiert: Unter dem Motto „Back to live –- Eine kleine Hofmusik“ wurden seit Anfang Mai von Montag bis Samstag immer abends jeweils drei Kurz-Konzerte in drei verschiedenen Höfen gespielt.

Das Publikum sind die Hausbewohner an den Fenstern und auf den Balkonen. Die wbg Nürnberg hat das Projekt ideell und finanziell unterstützt. So treten Musiker auch in den Höfen der wbg-Wohnanlagen auf. "Die wbg ist seit vielen Jahren ein verlässlicher Sponsoringpartner und ihre Wohnanlagen haben wunderbare Höfe. Deswegen haben wir auch diesmal gerne mit ihr kooperiert", sagt Barbara Schwesig vom Projektbüro Kultur der Stadt Nürnberg. Große Freude über dieses Engagement herrscht auch bei den Mietern der wbg. Sie zeigten sich absolut begeistert über die Konzerte und fragen schon neugierig nach möglichen Folgeterminen.

"Macht ihr wieder schöne Musik? Sehr schön, das haben wir gebraucht, wir können ja nirgends hin. So kommen die Leute auch wieder auf andere Gedanken", sagt eine Bewohnerin der Pilotystraße/Ecke Harrichstraße. Es ist Montagnachmittag, 16.30 Uhr. In einer halben Stunde soll es losgehen. Die drei Musiker der Gruppe "The Elephant Circus" stehen schon mit ihren Instrumenten am Hoftor und warten auf Einlass, als Jan Koschmieder mit seinem Lastenrad um die Ecke saust. Der Veranstaltungstechniker wird wie gewohnt für einen guten und gut hörbaren Sound sorgen. Auch er gehört zur Berufsgruppe der Soloselbstständigen und auch ihn hat die Corona-Krise enorm eingebremst. Durch die Hofkonzerte hat Koschmieder nun endlich wieder Aufträge.

"Allmächd, so schweres Zeug", ruft Ute Zulo vom Balkon im dritten Stock herunter, als "The Elephant Circus" ihre Instrumente in den Hof tragen. Zur Band gehören seit nunmehr 12 Jahren der Schlagzeuger Michael Szilovics, Sänger und Gitarrist Uli Tsitsos sowie der Bassist Tom Sylva. Von den Hofkonzerten hatten sie durch Kollegen erfahren und sich daraufhin im Projektbüro für einen Auftritt beworben. "Wir dachten anfangs, dass so eine Auftritts-Zwangspause vielleicht gar nicht so schlecht wäre. Aber mittlerweile sind wir wie vertrocknete Pflanzen. Die Durststrecke war sehr lang", sagt Szilovics und Bandkollege Tsitsos ergänzt: "Man könnte sagen, Corona hat uns zu Rock'n Roll-Junkies auf Entzug gemacht." Dass sie nach einem ersten Auftritt im Loft des Gostner Hoftheaters jetzt erneut ein bezahltes Engagement haben, freut das Trio sehr. "Wir sind erwartungsvoll, dieser Abend ist sensationell, phantastisch. Wir haben nur Superlative dafür", so der Gitarrist und Sänger. Die dreimonatige Zeit ohne Auftritte haben sie so gut wie möglich genutzt und an ihrem neuen Album gearbeitet, das noch in diesem Jahr erscheinen soll.

Die erste Herausforderung des Nachmittags: Die Suche nach dem besten Standort für die Musiker, wo sie von möglichst vielen gesehen werden. Der Hof ist weitläufig, seine Mitte wird durch eine Art Rondell ausgefüllt, das von Büschen und Bäumen wie Eichen und Birken umgeben ist. Kabel, Mikro, Stativ - die Bühne auf Gras und Sand ist schnell eingerichtet. "Was wäre, wenn man mal auf Klo müsste?", will Schlagzeiger Szilovics wissen. Doch diese Frage bleibt unbeantwortet. Ein Dixie-Klo auf einem kleinen Anhänger wie jüngst bei Konzerten am Nordostbahnhof gibt's heute nicht. 

Der Soundcheck ist vorbei, schon hallt Applaus von den Balkonen. Ute Zulo und ihr zehnjähriger Sohn Camillo haben es sich auf den Treppen neben der Rutsche bequem gemacht. "Wir freuen uns alle über das Konzert. Eigentlich gehen wir abends immer noch mal spazieren. Aber heute sind wir extra zuhause geblieben", sagt die Mieterin und lobt das Konzert und das Engagement der wbg in dieser Sache ausdrücklich. Im Hof sei es sonst eher langweilig. "Heute ist es wie ein kleines Abenteuer." Mehrfach betont Zulo, wie froh sie sei, dass die wbg sich an dem Projekt beteiligt habe und wie toll es wäre, wenn es eine Wiederholung eines solchen Konzerts geben könnte. Schließlich würden in der Anlage viele Familien wohnen, die gerade jetzt in der Corona-Krise kaum Abwechslung hätten. Dem schließt sich Anja Bayman an. Sie hat sich in ausreichendem Abstand zur Nachbarin Zulo gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn Milan einen Platz zum Zuhören gesucht. "Sowas kennt man gar nicht, sowas hat es hier noch nie gegeben. Deswegen hat es uns auch überrascht, als wir die Ankündigung zum Konzert im Briefkasten hatten", sagt sie. Dass es dazu sowohl einen Flyer als auch einen Aushang als Terminhinweis gegeben habe, sei "sehr toll" gewesen. "So konnte man sich den Abend freihalten." Das haben denn auch Serefe Özkara und Vanessa Schüller getan. Sie treibt gerade vor allem eine Frage um: Wann findet wohl das nächste Konzert in ihrem Hof statt?

"Wunderbare Idee", sagt Cheikh Mboup und greift zum Handy, um die idyllische Szenerie zu filmen. Der Senegalese ist selbst Musiker. Nachdem der begeisterte Schlussapplaus von den Balkonen verklungen ist, packen "The Elephant Circus" ihre Instrumente schließlich wieder ein. Mboup packt mit an und zeigt ihnen eine geheime Abkürzung zum nächsten Hof an der Harrichstraße. Immer mit von der Partie ist an diesem Abend Barbara Schwesig. Sie und ihre Kollegen haben die mehr als hundert Hinterhof-Konzerte organisiert und betreuen sie vor Ort. So hat sie schon viel Schönes und zu Herzen gehende Momente erlebt. "Es sind selbst gebastelte "Danke-Schilder" hochgehalten worden, Bonbons wurden geworfen, oder den Musikern wurde mehr als genug Bier zur Abkühlung bereitgestellt", erzählt sie. Ein Erlebnis aber habe sich ihr besonders eingeprägt: Als sie einem Künstler nach dem Auftritt gerade seine Gage geben wollte, habe jemand ein kleines Päckchen an einer Schnur vom Balkon heruntergelassen, eingepackt in hellblaues Papier, verziert mit einer dunkelblauen Schleife. Diese Geste war plötzlich viel mehr wert als das Geld. "In Zeiten wie diesen ist Wertschätzung noch wichtiger als sonst", betont Schwesig. So hätten an den Hofkonzerten auch zahlreiche Musiker mitgewirkt, die eigentlich nur für sehr viel höhere Gagen spielen. Für sie sei bei ihrer Zusage aber ausschlaggebend gewesen, endlich mal wieder vor echten Menschen auftreten zu können. Terminprobleme habe es wegen Corona denn auch kaum gegeben.

Innerhalb von neun Wochen hat es Konzerte in 144 Höfen von Unternehmen wie der wbg gegeben. Und auch private Höfe wurden zu Locations. Es gab 48 Acts mit insgesamt 82 Künstlern. Wolfgang Masin, bekannt unter dem Künstlernamen "el mago masin", spielte eines der ersten Konzerte dieser besonderen Veranstaltungsreihe. Ihm hatte die Corona-Krise von jetzt auf gleich einen Tourplan mit rund 70 Shows zerschlagen. Die Hofkonzerte seien "eine großartige Idee" der Stadt Nürnberg gewesen, um "ihren" Künstlern zu helfen, so der Musiker. Als Masin endlich wieder vor Publikum stehen durfte, hat ihm das einen besonderen Moment beschert und die Erkenntnis, dass die Musik für ihn mehr ist als nur ein Beruf. "Da war Magie in der Luft und ich habe gemerkt, wie sehr ich liebe, was ich mache." Wie es der Zufall wollte, gehört ein Lied mit dem Titel "Draußen am Balkon" zu seinem Repertoire. "Das hätte ich auch nicht gedacht, dass ich diesen Song mal zusammen mit Menschen auf Balkonen singen würde."

Lange nachklingen wird in Masins Musiker-Seele vor allem der "sehr persönliche, ehrliche Dank in Form von Worten, Plakaten und kleinen Geschenken", und dass er stets herzlich empfangen wurde. Für die nahe Zukunft hofft der Künstler auf ein bisschen Normalität und weitere Auftritte. "Die Hofkonzerte waren für diesen Ausnahmezustand genau richtig. Da sich gerade alles ein Stück weit öffnet, ist die Zeit der Hofkonzerte und Autokinos aber wahrscheinlich vorbei." Klar sei aber auch: "Wir Künstler brauchen nun weiterhin Auftrittsmöglichkeiten." Schwesig sieht das genauso. "Die Künstler müssen dringend ihren Beruf ausüben können, damit sie nicht zu Bittstellern werden müssen."

Als "The Elephant Circus" im Hof an der Harrichstraße ankommen, wo ihr zweites von drei Konzerte an diesem Montag stattfinden soll, scheint das Wetter nicht mehr mitspielen zu wollen. Es wird düster, Wind kommt auf und erste Tropfen fallen. Bislang hatte man wegen Gewitters nur drei Abende komplett streichen müssen. "Eine gute Quote", findet Schwesig. Die schönen Sommertage hätten überwogen. Vögel hätten in den Höfen gezwitschert, Menschen in den Gärten zu guter Musik getanzt und verschiedene Generationen hätten bezaubernde Stunden miteinander verbracht. So wie jetzt im Hof an der Harrichstraße. Nach der kurzzeitigen Schlecht-Wetter-Front reißt der Himmel wieder auf und die Sonne strahlt. Jetzt hat auch Cheikh Mboup, der Musiker aus der benachbarten Wohnanlage, sein Djembe geholt und unterstützt "The Elephant Circus" trommelnd.

Brigitte und Reinhold Ziske haben es sich derweil am Fenster ihrer Erdgeschosswohnung bequem gemacht. "Wir wohnen seit 30 Jahren hier, sowas hat es in unserem Hof noch nie gegeben. Das ist toll", sind sie sich einig und würden sich für die Zukunft ebenfalls eine Konzert-Wiederholung wünschen. Bis hinauf in den vierten Stock sind überall Mieter auf ihren Balkonen zu sehen, die Kinder jauchzen und klettern auf den Spielgeräten, während einige Zuschauer das Konzert mit ihren Handys filmen. Schwesig sitzt auf einer der Bänke und sagt: "Ein schöner Sommertag, nette Menschen und gute Musik. Da brauchts keinen Urlaub in der Ferne."

Text: Nina Daebel

Fotos: Uwe Niklas; Nina Daebel

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